Die Gestrandeten.

Für Robert Rieger und André Heller

„Zu Hülf! Helferts!“
Der splitternackte, weißfleischige Körper steht im Holzkasten des hohen Altbaufensters in der Wiener Leopoldstadt und pisst drei Stockwerke nach unten in den Garten, der so klein ist, dass ich ihn nur sehen könnte, würde ich ebenfalls auf die Fensterbank steigen. Die kalkfarbene, madenähnliche Gestalt leuchtet geradezu kitschig im Mondlicht.

„Losst’s mi aussi! Mi ham’s einigsperrert! Zu Hülf!“
 
Schlafwandler dürfen nicht geweckt werden, also warte ich eine Weile unschlüssig in der offenen Tür. Ich habe mir abgewöhnt, mich bei Martin über irgend etwas zu wundern, auch seine merkwürdige Sprache, diese Mischung aus unüberhörbarem Berlinern und ans Österreichische angelehnten Phantasieworten, scheint mir mittlerweile fast normal. Ich frage mich nur, warum er das alles im Schlafzimmer des Gastgebers veranstaltet.
 
Der wiederum steht an einem Würstelstand in der Mariahilfer Straße und möchte von mir abgeholt werden, wie ich nun erfahre, da ich endlich an das bereits seit einiger Zeit immer wieder schrill läutende Telefon gegangen bin.
 
Schottenring. Aussteigen. Gegenüber stehen jetzt kleine Elektrobusse, die kreuz und quer durch die Innere Stadt fahren.
 
Ein sonniger Sommersonntag um 7:30 Uhr. Noch ist der Franz-Josefs-Kai fast menschenleer, noch ist die Wärme angenehm. Der Gastgeber, der sich eben in der U-Bahn-Station an der „MaHü“ noch einen Schwulenporno hatte kaufen wollen, kniet auf der Straße und macht mir einen Heiratsantrag. Er trägt ein weißes Leinenjackett zur gebräunten Haut und sieht auch sonst aus wie Don Johnson, aber ich weiß, dass es sich nicht ausgeht.
 
Salztorbrücke. Geradeaus. Rechte Seite. Ich kann das Haus nicht wiederfinden! Einen ganzen Sommer habe ich darin verbracht, ohne die Hausnummer zu wissen. Ich glaube, auch der Gastgeber kannte sie nicht.
 
Die meisten Klingelschilder sind namenlos, das zur Wohnung passende ist an der fast verblichenen Aufschrift Hofrat Dr. Klingenbrunner zu erkennen. Ein Schlüssel ist unnötig, Martin öffnet immer. Er ist froh, wenn er nicht allein sein muss. Nicht allein hinausgehen muss. Er spricht nicht darüber, dass er sich verfolgt fühlt. Er behauptet, er dürfe seiner höchst empfindlichen fahlweißen Haut kein Sonnenlicht zumuten. Hatte er wirklich versucht, sich zu erhängen? Eins der Rohre über der Couch im Wohnzimmer, auf der unzählige Plüschtiere auf einer karierten Wolldecke sitzen, ist gebrochen. Es wäre unkomplizierter gewesen, einfach aus dem Fenster zu springen.
 
Ganz früh morgens geht Martin manchmal zu dem türkischen Bäcker, dessen Ladenlokal genau gegenüber im Souterrain liegt. Frisch aus Berlin zugewandert, hatte er dort bei seinem ersten Einkauf „Brötchen“ verlangt, und erst nach Minuten der Ratlosigkeit hatte schließlich eine einheimische Kundin den Wunsch in „Semmeln“ übersetzen können. Seither ist Martin überzeugt, dass er in dieser Stadt nur überleben kann, wenn er Wienerisch spricht. Das hemmt ihn so, dass er selbst nachts, wenn ihm die Sonne nicht mehr schaden kann, lieber aufs Ausgehen verzichtet. Mangels Übung und Erfahrung im wirklichen Leben hat er sich mit der Zeit eine dialektartige Phantasiesprache zugelegt.
 
Seit der Geschichte mit dem Vogelbeerschnaps hat er sich endgültig zurückgezogen und arbeitet jetzt noch sehr viel intensiver an seinem Erstlingsroman – von dem ich allerdings noch nie eine Zeile gesehen habe oder gar lesen durfte. Er glaubt fest, dass Lorenz von Hummer ihn als Konkurrenten damals hatte aus dem Weg räumen wollen. Nachdem er mich ausnahmsweise in meine Lieblingslokale, erst das Kleine Café am Franziskanerplatz und später die Wunderbar in der Schönlaterngasse, begleitet hatte, war uns zufälligerweise (sage ich, Martin hingegen glaubt an einen perfiden Plan) an beiden Orten besagter Lorenz von Hummer, ein sehr mäßig erfolgreicher Wiener Autor mit niederösterreichischen Wurzeln und einem Künstlernamen, denn das „von“ darf bekanntermaßen in Österreich seit 1945 überhaupt nicht getragen werden, über den Weg und in die Arme gelaufen. Die beiden Literaten hatten sich zunächst sehr gut verstanden und im Kleinen Café diverse Male auf Niederösterreichisch-Wienerisch und Pseudo-Wienerisch „aan Fearnet“ bestellt, später im Licht der schönen Laterne aber auf Vorschlag von „von“ Hummer zum Vogelbeerschnaps gewechselt.
 
Und danach war Martin dann auf so eigenartige Weise, wie er behauptet, es noch nie erlebt zu haben, berauscht gewesen, dass er die Schlafzimmer verwechselt hatte. Als er dann mit einem dringenden Bedürfnis auf der am Boden liegenden Matratze des Gastgebers erwachte, aber eben wegen des Vogelbeerschnapses – hallo? Der ist doch giftig? – nicht wirklich zu sich kam, sich in seinem eigenen Bett wähnte, dort aber nicht, wie gewohnt, nach links aussteigen und aufspringen konnte, sondern gegen eine Wand stieß, war er dann halt in seinem Vogelbeerwahn überzeugt gewesen, man habe ihn in einen sehr, sehr kleinen Raum eingesperrt. Dass es keine Wand war, sondern nur der riesige Röhrenfernseher des Gastgebers, der, wenn er am Nachmittag erwacht, gern entweder alte UFA-Filme oder den Seniorenclub anschaut, hatte Martin dann erst sehr viel später erkannt, nachdem er Gottseidank nicht, wie Lorenz von Hummer es seiner festen Überzeugung nach beabsichtigt hatte, aus dem Fenster gesprungen war.
 
Aus den Souterrainlokalen sind die türkischen Bäcker ausgezogen. Es gibt auch keine verblichenen Klingelschilder mehr. Blanke, messingfarbene Täfelchen weisen zu anonymen Tops. Gleich hinter der ursprünglich für Pferdekutschen geplanten riesigen Hofeinfahrt erlaubt jetzt eine Zwischentür aus Sicherheitsglas nur noch ausgewählten Personen den Zutritt. Heute wäre vermutlich gleich eine Spezialeinheit vor Ort, wenn eine leuchtende Made hilfeschreiend nachts aus dem Fenster uriniert. Damals waren alle entweder taub oder, was ich vermute, es war ihnen schlicht wurscht.
 
„Wenn ich mir was wünschen dürfte…“
 
Im Café an der Taborstraße betrachte ich die vorbeiziehende Welt. Großgewachsene jüdische Männer tragen Hüte mit Pelzrand, kleine jüdische Jungen tragen Schläfenlocken unter schwarzen Kappen mit Silberborte. Sie lachen und hüpfen herum, stoßen sich gegenseitig freundschaftlich in die Rippen. Ich werde unendlich traurig und schaue dem singenden Gastgeber in seine unendlich traurigen braunen Augen.
 
„..käm‘ ich in Verlegenheit
Was ich mir denn wünschen sollte
Eine schlimme oder gute Zeit.
Wenn ich mir was wünschen dürfte
Möcht‘ ich etwas glücklich sein
Denn wenn ich gar zu glücklich wär‘
Hätt‘ ich Heimweh nach dem Traurigsein.“
 
Wann ist es eine gute Zeit? Das Leben ein Traum, und ich ein Schmetterling? Alles ist möglich. Auf der Theaterbühne wie am Würstlstand. Doch im Gegensatz zum Theater hat sich am Würstlstand ein Rest aufklärerischer Brüder- und Schwesterlichkeit erhalten. Übriggebliebene Opern- und Nachtclub-Besucher in Edelgarderobe, Kellner im Feiermorgen und Wohnungslose, die sich über die Nacht gerettet haben – einige Achterln im Morgengrauen verwischen die Grenzen.
 
Neben der paranoiden Made, dem Gastgeber und mir gehört auch Robert, wenn auch nur gelegentlich, zum festen Ensemble der Wohnung. Robert ist besessen von der Idee, mich vor Jahren in Hamburg kennengelernt zu haben, als er für eine kurze glückliche Zeit Teil einer schöneren Welt sein durfte. Ein Fotoband mit großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen ist geblieben. Ein schüchtern lächelnder zarter Mensch in einem geflügelten, fast durchsichtigen, silbrig schimmernden Plissee-Kleidchen, betitelt „die arme Libelle Robert“.
 
An schönen Tagen besuche ich Robert an seinem Arbeitsplatz an der Schüttelstraße hinter dem grünen Prater. Oben an der Straßenecke eine Gaststätte, ein paar Stufen hinunter am Wasser die Anlegestelle der letzten Fähre über den Donaukanal. Oben hatte Robert eine Zeitlang gekellnert, hier unten fühlt er sich frei. Wir sitzen in der Sonne und plaudern über die gemeinsamen Erlebnisse in jenem Hamburger Sommer, in dem Robert eine Libelle war. Es ist schön und dabei überhaupt nicht wichtig, ob wir uns wirklich damals schon kannten. Robert trauert der Libellenzeit nicht hinterher, er weiß, dass einem wie ihm so etwas höchstens einmal im Leben zusteht. Er ist stolz, Fährmann zu sein, glücklich über den neuen Anfang.
 
Es ist mir eine Ehre, neben einer so schönen Frau sitzen zu dürfen, sagt er und lächelt mich an. Ihm fehlen einige Zähne, aber er ist von geradezu altmodischer Höflichkeit und der einzige echte Gentleman, den ich kenne. Wenn gelegentlich Fahrgäste kommen, werden sie gemächlich von der Leopoldstadt in die Landstraße gedümpelt, und wenn sie nicht allzu kritisch dreinblicken, darf ich das Ruder bedienen.
 
Oben aus der Gaststätte weht zum wiederholten Male „Should I stay or should I go“ herüber. Möglicherweise die essenzielle Frage, die sich die meisten dort stellen.Eine Mischung aus Bauchstich-Beisl und Künstlertreff mit ziemlich fester Besetzung. Ein Schauspieler mittleren Alters mit sehr prägnanter Nase, der das letzte Prater-Kaschperltheater führt und mir seinen Namen nicht verraten will, sein junger, aber bereits zahnloser Assistent, ein Journalist, der für die Volksstimme schreibt, ein paar wechselnde Ungustln, und eine mindestens 75-jährige Prostituierte, die Visitenkarten mit ihrer Adresse und dem Zusatz „Sanfte Hand-Massage bei Gerdi“ verteilt.
 
Immer wieder bestellt einer laut „aan Fearnet“, und der Wurlitzer fragt: Should I stay or should I go?
 
Manchmal kommt der schöne Gastgeber und küsst mich, ich werde ihn trotzdem nicht heiraten. Ich träume von ihm – ich führe ihn und André Heller mit Roberts Rollfähre über die Elbe bei Blankenese und zeige ihnen die Illusionen von Hamburg. Genau in der Mitte des Flusses verwandelt sich André Heller in die Spinne Thekla, was aber außer mir niemand bemerkt. Der Gastgeber summt „ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“, und Robert sitzt dabei und philosophiert darüber, dass Schiffe nicht nur bei Niedrigwasser auflaufen, und dass auch ein hoher Wasserspiegel, der tückische Steine verdeckt, die Gefahr des Strandens in sich birgt.
 
Stubentor. Stadtpark. An der Ecke zum Ring werden immer noch die buntesten Blumen der Stadt verkauft, sogar der Lieblings-Würstlstand scheint unverändert. Das Achterl ist immer noch spottbillig, der weiße Sturm ist leider aus. Der freundliche Betreiber füllt mir ein randvolles Glas Roten zum Probieren ein. Ich wundere mich, dass er nicht auch noch eine weiße Stoffserviette um die Doppeliterflasche drapiert hat. Erst als ich gehe, fällt mir auf, dass der Stammgast fehlt, der immer an der äußersten Ecke des schmalen Tresens sehr konzentriert die Kronenzeitung durchgearbeitet und sich dabei mit Kugelschreiber die wichtigsten Stellen markiert hat. Und tatsächlich merke ich jetzt, dass die Szenerie seltsam unkomplett wirkt, so als habe man eine Sehenswürdigkeit aus einer Postkarte herausgeschnitten.
 
Wien-Mitte wasn’t built in a day. Eine Zeitraffer-Animation zeigt, wie aus dem grindigen Schandfleck mit einer Markthalle, die nach verwesenden Kadavern stank, schließlich „The Mall“, ein U- und Regionalbahnknotenpunkt mit Nobel-Einkaufszentrum, wurde. Ich sehe es mir zu lange an, mir wird schwindlig, ich muss mich setzen. Die riesigen Fensterscheiben der Geschäfte sind spiegelblank geputzt, und ich erschrecke mich, weil ich so alt geworden bin.
 
Es wird langsam heiß, so wie es damals jeden Tag so unerträglich sonnig war, dass der Gastgeber seine dunkle Brille höchstens im Bett ablegte. Ich weiß und fürchte, was mich erwartet, und gehe entsprechend langsam.
 
Rotundenbrücke. Schüttelstraße. Kein Beisl. Wegradiert. Ausgelöscht. Zugemauert. Über Eck zwei mit weißem Putz gleichgeschaltete Wände. Ein Ungetüm von Fußgängerbrücke.
 
Einer der Gestrandeten ist übriggeblieben und macht Witze. Ersoffen sei er, der Kellner mit den zwei linken Händen, der unfähige Fährmann.
 
Nur eine herumflirrende Libelle könnte mich jetzt trösten. Flieg, Robertchen, flieg, könnte ich ihr zuflüstern. Aber das hier ist die Schüttelstraße und nicht Hollywood.
 
Should I stay or should I go. Die Entscheidung ist gefallen.