…und wir wer’n nimmer sein – Mein Lesebeitrag für das Event 2026 der IG Buchmenschen und Peter Waldeck, Wien
Minigolf-Horror
… und wir wer’n nimmer sein
Von Eileen Heerdegen
Vor der großen Katastrophe schienen die Menschen noch mehr als zuvor radikal entschlossen, sich den Spaß am Leben nicht nehmen zu lassen. Aber wäre nicht einer der 18-jährigen Incels, die seit Monaten wie ein Schwarm ohrenbetäubend lauter Heuschrecken das einst beschauliche Grinzing terrorisierten, mit ihren hochpreisigen und hochgetunten Luxuskarossen, die wahrscheinlich nicht das Ergebnis sogenannter ehrlicher Arbeit waren, also, wäre nicht einer von denen genau vorm Café Gießbach in den dort geparkten BMW der Barbesitzerin Hertha von gegenüber gekracht, hätte es den größten und dann auch letzten Hype möglicherweise gar nicht gegeben.
Müde, missgelaunt, aber zugleich entschlossen, den unfreiwilligen Fußweg nach Hause im Morgengrauen zu genießen, ging Hertha einen kleinen Umweg über die Strassergasse und durch den schmalen Weg zwischen dem Friedhof Grinzing und den Obstgärten der Kaasgrabenkirche.
„Was kann mir schon gescheh’n? Glaub mir, ich liebe das Leben“. Ununterbrochen hatten ihre letzten Gäste, drei Mittsechzigerinnen, Vicky Leandros hören wollen, und dabei soviel getrunken, dass es dumm gewesen wäre, es ihnen zu verwehren, auch wenn Hertha fast schon rabiat geworden war. Nun ging es ihr nicht mehr aus dem Kopf, sie sang sogar laut vor sich hin und der silbrig schimmernde Bach, der in unzähligen Windungen über das Friedhofsgelände mäanderte, verstärkte ihre immer heiter werdende Stimmung.
Das Flüsschen war ihr bisher nie aufgefallen, und als sie durch den überraschend geöffneten Seiteneingang das Grab Richard Lugners erreichte, erkannte sie ihren Irrtum. Eine schmale, mit Filz bezogene Bahn – ohne Brille war ihr der morgendliche Tau darauf wie Wasser erschienen. Neugierig folgte sie dem Verlauf der eigenwilligen Konstruktion, die mit verschiedenen Aufbauten und Schikanen über Treppen hinweg die Anhöhe erreichte und ganz genau vor dem Grab des 1989 gestorbenen Autors Thomas Bernhard endete. Aber nein, sie begann hier, neben einem kleinen Kasten, der Bälle, Schläger und eine Bedienungsanleitung enthielt: Eine Minigolfbahn!
Etwas später präsentierte der ehemalige Domherr Toni Faber, der aufgrund seiner eigenwilligen Haltung zu Grundsätzen der katholischen Kirche zur Pfarre Grinzing degradiert worden war, gemeinsam mit Fernsehteams von Servus TV und ORF III der Öffentlichkeit stolz die jüngste Attraktion des kleinen Heurigenortes.
Mit der geschickten Hand des geübten Minigolfers ließ er den kleinen Ball anmutig um so manches Hindernis herum, durch Tunnel und Engstellen und über Sprungschanzen tanzen, stets in exakt der richtigen Geschwindigkeit, die ihn flüssig rollen ließ, ohne ihn aus der Bahn zu werfen.
Auf seinem Weg begrüßte er die Gräber von Heimito von Doderer, der Familie Hörbiger/Wessely, Gustav Mahler und Alma Mahler-Werfel und erinnerte im Vorbeigleiten an die kleine Ballettschülerin Dagmar Fuhrich, die als 11-Jährige vom sogenannten Opernmörder Josef Weinwurm getötet worden war.
Eine Reihe von Extra-Kapriolen war an und sogar über den dunklen polierten Marmor der letzten Ruhestätte von Peter Alexander vorgesehen, die Betonung der Achse Bernhard-Alexander führte daher eine Zeitlang zu wilden Spekulationen, nach denen angeblich Peter W., ein Autor gehobener erotischer Literatur, Architekt der kleinen Golfanlage gewesen sein könnte. Hatte er doch in seinem letzten Roman sein persönliches Waterloo beschrieben, als er die Gräber von Thomas Bernhard und Peter Alexander nicht finden konnte, die er der von ihm verehrten und sogar heimlich verzweifelt begehrten bekannten Wiener Salondame Rosa Erbse, der Witwe gleich mehrerer Wiener Autoren, hatte zeigen wollen, und zwar ausgerechnet auf dem Heimweg vom Ausflug mit Maroni und Minigolf am Kahlenberg.
Aber auch Banksy und natürlich André Heller waren im Gespräch; dass die Kugel am Ende unauffindbar in der Lugner-Gruft verschwand, nährte Behauptungen, der Baumeister (nomen est omen) könne als Untoter sein Gesellschaftsleben in der Unterwelt fortsetzen.
Letztendlich konnte Toni Faber nicht verhindern, dass der Gräber-Parcours entfernt wurde, die Geschichte hatte aber längst zu einem bisher nicht gekannten Sturm auf die Minigolfanlage am Kahlenberg geführt, die mit einem Sonderfonds der Stadt Wien rasant ausgebaut wurde, und neben dem Waldseilpark, der Auspuff-Vergleichsanlage der „Incels-eighteen“, dem essbaren Streichelzoo des Mega-Grills, in dem Familien selbst schlachten durften, und dem Scharfschützenpark nun die „Fun-Area Wienerwald“ bildete.
Doch wir alle wissen, dass es schließlich ganz anders kam. Bei den Kampfhandlungen war nur ein einziges Haus verschont geblieben, und die wenigen, die noch da waren, fragten sich: „Wer wohnt Besonderer darin?“