Die Rapperin Ikkimel und die deutsche Fußballseele
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Master in Fotzenpower
Die Rapperin Ikkimel und die deutsche Fußballseele
Von Eileen Heerdegen
Zwei Mädchen auf einer Fridays-for-Future-Demo, höchstens 13 Jahre alt, halten mit entschlossenem Blick ein selbstgemaltes Schild hoch: »Destroy my Pussy, not the Planet.«
Wirkt verstörend, moderne Feministinnen beruhigen, »Destroy Pussy« stehe nur für »guten, rauen penetrativen Sex«. Na, Gott sei Dank. Wird also der Planet auch nur hart gefickt? Okay, spitzfindig, vielleicht kann Melina Gaby Strauß weiterhelfen: Bachelor in Germanistik und Sozialanthropologie plus Masterstudiengang Sprachwissenschaften und Tätigkeit an der FU Berlin im Labor für Gehirn- und Sprachforschung.
Aber auch Melina, oder zumindest ihr Alter ego, die Künstlerin Ikkimel, will nur ficken. Werden Männerträume endlich wahr, oder ist das echter Feminismus? Nachdem Alice Schwarzer etwas vermeintlich oder tatsächlich Dummes über queere Menschen gesagt hat, kann sie gehen, außerdem ist sie alt.
Ikkimel ist jung, Jahrgang 1997, und rappt mit Mädchenstimme wie einstmals Blümchen, nur eben nicht »Herz an Herz«, sondern explizit deftiger zu vordergründig eintönigen Beats, die bei genauerem Hinhören musikalisch nicht ganz so schlecht sind. »Ich schreib meine Texte mainly selbst«, gibt sie mutig zu: »Treffpunkt ist das Unisexklo / Steck dir deine Uni in’ Po / Dumm fickt gut, ich bin dumm wie Stroh« oder »Warum schaust du mich jetzt an mit diesem Blick? / So guck’ ich immer, wenn ich will, dass man mich fickt« oder »Keta und Krawall, meine Nase ist wund / Titten sind prall und mein Arsch ist rund / Ich bin in Friedrichshain und baller’ mir ein Bierchen rein / Fotzenpower im Jogger / Ich bin vielleicht eingebildet, aber seh’ gut aus / Ich bin das Komplettpaket, einfach Traumfrau / Sprich mich einmal an und ich mach’ dich zu mei’m Wauwau«.
Vielleicht findet das die eine oder andere »Fotze« lustig – so wie schwarze US-Rapper sich selbst provokativ »Niggaz« nennen, kann Frau heute Socken mit Aufdruck »Fot« links und »ze« rechts kaufen oder die Beleidigung in Glitzerlettern stolz auf Käppi und Hoody als »Akt des Empowerments und der Provokation« per Reclaiming (Rückeroberung) spazierenführen und damit angeblich Machtstrukturen aufbrechen.
Klingt so fresh und links und unverstaubt, dass Die PARTEI Ikkimel zur Wahlwerbung nutzte und die verstaubte Linkspartei mit ihr gar zum Gratiskonzert am 1. Mai in Berlin lud.
»Ich als Melina hab’ auch noch andere Seiten an mir, ich lese auch mal gern ein Buch, was jetzt vielleicht über die Texte nicht immer ausgestrahlt wird« – da muss die Künstlerin im Interview selbst lachen.
Vielleicht kam Corona aus dem Labor, und Ikkimel ist nur ein Projekt des oben genannten Instituts für Gehirn- und Sprachforschung. Einige tatsächlich lustige Ideen, wie »Drei Fotzen mit ’nem Bombenarsch« (in Anlehnung an die chinesischen Kontrabassisten), wirken durchaus verräterisch, wie auch der provokante Song »Giftmord«: »Frau’n brauchen kein Schimpfwort, unsre Waffe heißt Giftmord / Ermorde den Hurensohn, wenn er grade nicht hinschaut / Frau’n brauchen kein Messer, das geht doch viel besser / Ich mach’ mir nicht die Finger krumm für irgendein’n Stecher.«
Doch ausgerechnet Ikkimels Auftritt mit »Fußballmänner« am 6. Juli im öffentlich-rechtlichen Morgenmagazin »MoMa« ließ Boulevard und Volksseele gleichermaßen überkochen. »Fußballmänner, alles Penner / Bierbauch, Bratwurst, leckerschmecker / Lattenkracher, Mertesacker / Tiki-Taka in ’nem Tanga«. Dass auch hier durchaus Witz versteckt ist (»Kenn die ganze Mannschaft, und Hockey find ich auch krass«), konnte nur untergehen. Keine Witze über Fußball, zumal, wenn »wir« zu den Losern gehören, das ist Leichenschändung! Die Medien diagnostizierten »Schockstarre« im Publikum, die anwesende Schulklasse sei verstört gewesen.
Dabei hatten die Zehnjährigen doch Glück, dass ihnen nicht die zweite Strophe von »Giftmord« zugemutet wurde: »Kindermord, Kindermord, ich nehm’ die Antibabypille / Männer sind der Grund, warum ich überhaupt verhüte / Babys sind doch süß, es sei denn, es sind Jung’n / Im Notfall treib’ ich ab, mit Alk und Mephedron.«
Anyway, ich schreibe meine Texte nicht mainly, sondern completely selbst und möchte nicht Fotze genannt werden. Dann lieber das N-Wort, denn John Lennon und Yoko Ono haben es längst auf den Punkt gebracht.