Die Finger ersoffener Kinder

Nicolas Robert Lang mit seinem Debütalbum »Abendmahl südlich von Rimini«

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Die Finger ersoffener Kinder
Nicolas Robert Lang mit seinem Debütalbum »Abendmahl südlich von Rimini«
Von Eileen Heerdegen

Goldbestickte Kostüme, spitzenbesetzte Gewänder, festliches Licht, schöne Musik – das erste Theater meiner Kindheit war die katholische Kirche. Nie war ich Teil dieser Inszenierung, wichtig und würdevoll den Weihrauch hereintragen durften nur die Buben. Doch neben dem Lamm wurde auch deren Würde hunderttausendfach geopfert: »Wer nicht denken will, muss glauben, wer nicht glauben will, muss fühlen. Und am besten fühlst du die zarte Hand von Pater Korbinian, der greift da unters Ministrantengewand, um wie der Heilige Geist in dich einzufahr’n.«

In »Geschichten aus der Sakristei«, dem Opener seines textlich wie musikalisch recht abwechslungsreichen Debütalbums, »Abendmahl südlich von Rimini«, startet der junge Wiener Nicolas Robert Lang mit eher harmloser Melodik im Stil der frühen Franz-Josef-Degenhard-Gassenhauer. Aber verschmitztes Lächeln über »Schmuddelkinder« war gestern. »Ein gutes Stück in Kindesmund« vielleicht auch schon, nur spricht heute jemand drüber.

Aufgewachsen ist Lang in Vöcklabruck, einem oberösterreichischen Kaff irgendwo zwischen Salzburg und der Landeshauptstadt Linz, in der er aktuell klassischen Kontrabass und Blockflöte studiert. Wer kennt sie nicht, diese Opfer meist ländlicher Musikpädagogik, die bei Musiklehrer Priklopil blockflöten mussten, statt die ersehnte Karriere als Saitengott und Ausnahmerockmusiker zu starten. Doch wer die Flöte nicht als tragische Erinnerung an missglückte Weihnachtsabende vernichtet hat, muss offenbar kein Freak oder gar kreuzbrav sein. »Seit’s in Chef sein Buam ans Kreuz gnagelt hom, san wir beim Nageln stets ernst und sehr fromm. (…) Wir duan hoid gern beten und budan und haun – Männer und Kinder, Viecherln und Fraun.«

Wer kabarettistische Tendenzen erkennt, liegt nicht ganz falsch, Nicolas Robert Lang war auch schon mit einem Georg-Kreisler-Programm auf Tour. Doch kann er auch die leisen Töne (als Hardrockfan und E-Gitarrist auch die ganz lauten), und textlich ist zwischen plakativ und lyrisch versponnen ebenfalls alles dabei. Schöne Bilder, wie der nach den Mysterien der Welt Suchende, der sie vielleicht »halberts ang’frorn im November in an reifbedeckten Blaukrautföd« entschlüsselt, und weise Feststellungen: »Die Buschauffeurin hat an Plan, die Schriftstellerin, die hat kan.«

Vielleicht liegt es an den drei Tagen, die Nicolas Lang nach seiner Geburt (am 28. Dezember 1999) noch im alten Jahrtausend verbracht hat – optisch ist er mit Brille und schulterlangen Locken ein typischer Student der 1970er. Musikalisch rettet er die alten Liedermacher ins Heute, wo er zwischen Nino aus Wien und Voodoo Jürgens sicher eine freie Lücke füllen kann. Austropop oder Protestsong, ein bisschen Jazz und überraschende Rhythmus- und Tempowechsel, auf dem Album unterstützt von Philipp Endl (Percussions), Marlene Janschütz (Gesang), Johannes Gerl (Horn) und Felix Brandauer (Steirische Harmonika).

Das Plattencover zeigt den Künstler als Andrew-Lloyd-Webber-Jesus mit sich selbst als multiple Persönlichkeit am Abendmahlstisch und einem Rettungsring, der symbolhaft dort festhängt, wo er doch geworfen werden sollte. »Das Schlauchboot bewegt sich ganz langsam aus meinem Blickfeld.« Der letzte Song der Platte, der schönste, wichtigste, beeindruckendste – »Rimini«. Musikalisch standen vielleicht sehr frühe Liebeslieder von Rainhard Fendrich Pate, für diese sehnsuchtsvolle Anklage der Friedensnobelpreisträgerin Europäische Union, die für Nicolas Lang »nicht nach Oslo, sondern nach Den Haag« geladen werden sollte. »Bin i froh, dass i net durt bin, an so an schrecklichen Ort, Tod und Verzweiflung, Leid und Gewalt. I würd am liebsten ganz weit fort, doch die Geschichten, die verfolgn mi bis zu mir Ham, von Hunger und Bomben, Folter und Krieg, manchmal sogar bis in meine Tram. Und wann ich’s nicht mehr auszuhalten glaub, pack i mi zsamm und fahr auf Urlaub. Manchmal da kitzeln im Sommer beim Baden die Algen ganz sanft deine Füß, doch was d’ nie erfahrn wirst: San in Wahrheit die Finger von d’ ersoffene Kinder, des gspierst. Gewöhnlich sind wir ja voll Empathie, die endet halt südlich von Rimini.«