Ratloses Vergnügen

Karl Ove Knausgårds Roman »Der Morgenstern« in einer Bühnenadaption am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

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Ratloses Vergnügen
Karl Ove Knausgårds Roman »Der Morgenstern« in einer Bühnenadaption am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg
Von Eileen Heerdegen

Meine Freundin erzählt ernüchtert von einem Treffen mit dem ehemaligen Liebhaber, der sich vom »Randy Andy« in einen verfetteten Schmierlappen verwandelt hat. Mein Verflossener heißt Schauspielhaus und hat sich optisch überhaupt nicht verändert, seit Ulrich Wildgruber hier mit Staubmantel und Umhängetasche morgens um die Ecke bog, sich über aus dem Pflaster sprießende Gräser entzücken konnte und ich von meinem Bürofenster aus beobachtete, wie Männer mit Hut und Aktentasche ihre Mittagspause mit halbtoten heroinsüchtigen Prostituierten in den Stundenhotels der Ellmenreichstraße verbrachten. Mit einer gewissen Genugtuung stelle ich fest, dass die Programmhefte trotz heutiger Möglichkeiten sicher nicht besser geworden sind. Ich muss an den Bühnenbildassistenten denken, der unbedingt eine Werbepostkarte mit weißer Schrift auf weißem Grund produzieren lassen wollte (voll geil, wenn man so schräg von unten noch gerade was erkennen kann) – aber ob der jetzt womöglich für die Grafik zuständig ist, kann ich beim besten Willen nicht erkennen, denn weiße Schrift auf Hellgelb fällt definitiv unters Vermummungsverbot.

Zum Ausgleich bleibt der Zu­schauer­raum während der Inszenierung von »Der Morgenstern« am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zunächst hell, wenn Pastorin Kathrine (Julia Wieninger) ratlos nach ihrem Heimflug sucht. Aber wenn sie plötzlich überraschenderweise in der ersten Zuschauerreihe sitzt – per Projektion für jeden sichtbar –, nimmt sie uns mit auf eine aufregende Reise in das Leben von 20 Personen. Sie schwitzt und verzweifelt fühlbar bei dem Gedanken, zum ungeliebten Ehemann Gaute (Yorck Dippe) zurückkehren zu müssen, geht schließlich ins Hotel statt nach Hause und macht einen Schwangerschaftstest, obwohl das Liebesleben lange brach liegt. Gaute ahnt nichts, so wie Männer nie etwas ahnen, und wenn, dann muss es einen Nebenbuhler geben, oder der Stern ist schuld. Der seltsame, neue Stern über Bergen. »Armageddon«, sagt jemand, die letzte Schlacht, der Weltuntergang. »Die Welt ist aus den Fugen«, ist so alt wie unbedingt richtig, aber nicht dort in der kleinen Metropole hoch im Norden. Angesichts des globalen Irrsinns mutet das »Morgenstern«-Universum des norwegischen Erfolgsautors Karl Ove Knausgård geradezu idyllisch an. Wenn der kleine Liam vom Wickeltisch fällt und sein Betreuer (berührend Maximilian Scheidt) die Schuld weder sich noch anderen gegenüber zugeben mag, ist das tragisch, aber ein Witz gegen die Tatsache, dass wir tatenlos zusehen, wie alle 13 Sekunden ein Kind unter fünf Jahren an Hunger stirbt. Auch der nur vermeintlich tote Patient, dem vorschnell die kostbaren Organe entnommen werden, ist nur bedingt dystopisch.

Die Operation wird auf einer Leinwand detailliert angedeutet, die Videos tragen entscheidend zum großen Reiz dieser Aufführung bei. Unter der Regie von Viktor Bodo entwarf Jane Zandonai ein ausgeklügeltes Bühnenbild, das die Drehbühne nicht nur nutzt, sondern mit verschiedensten Durchbrüchen, Einsichten, Fenstern und Gängen so gestaltet, als sei es ein sich immer wieder verändernder, unendlicher Kreisel. Im oberen Drittel der Bühne und an den Seiten ist Platz für Leinwände, hier werden Bühnen­szenen projiziert, aber auch Tik-Tok-Tanzvideos. Das grandiose Lichtdesign von Rebekka Dahnke schafft zeitweilig Bilder, auf die Caravaggio neidisch gewesen wäre. Ein multimediales Vergnügen, das wunderbare Ensemble hat den Premierenjubel am 11. Mai unbedingt verdient.

Die Szenerie von Knausgård ist nicht uninteressant – eine depressive Wolkenmalerin; Gaute, ungeliebter Ehemann, aber geliebter Lehrer; Iselin, die Sängerin, die sich schämt, im Supermarkt zu arbeiten; Jostein, der schmierige Reporter (Samuel Weiss mit kabarettistischer Performance); die Pflegerin am Rande des Nervenzusammenbruchs und ihr sowohl selbstmord- als auch amoklaufgefährdeter Sohn – all das ist eindrucksvoll, oft sogar sehr komisch, toll gespielt, aber letztlich so alltäglich und so wenig »das Ende von Normal«, wie es das Programmheft verspricht, dass es den Zuschauer doch einigermaßen ratlos zurücklässt. Aber ist es nicht gerade die große Kraft von Theater, den Menschen Nachdenkliches aufzugeben? Oder wie Brecht es formuliert: »Den Vorhang zu und alle Fragen offen«.