Wer braucht da noch Hollywood?

Josef Haders wunderbare Tragikomödie »Andrea lässt sich scheiden« endlich auch in deutschen Kinos

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Wer braucht da noch Hollywood?
Josef Haders wunderbare Tragikomödie »Andrea lässt sich scheiden« endlich auch in deutschen Kinos
Von Eileen Heerdegen

»Hoamatland, Hoamatland, di han i so gern! Wiar a Kinderl sein Muader, a Hünderl sein Herrn … Dahoam is dahoam, wannst net fort muaßt, so bleib.«

Andrea will nicht bleiben, muss fort, weg aus der beschaulichen Sanfthügeligkeit des niederösterreichischen Weinviertels. »Misstraue der Idylle«, heißt es bei André ­Heller, und so ist auch schon der Beginn des Films ein Cheat – es ist die falsche, nämlich die oberösterreichische, Hymne (Regisseur Josef Hader wollte einfach eine besonders schöne Musik mit besonders grauslichem Text), die zu blassblauem Himmel und weiten Feldern auf einen Heimatfilm der anderen Art einstimmt.

»Was feiert man eigentlich am Geburtstag?« Dorfpolizist Georg, der mit einer Laserpistole und Kollegin Andrea an der Landstraße wartet, sinniert über das Leben und die Kosten für seine abendliche 30er-Feier, bei der er für jeden männlichen Gast zwölf Bier veranschlagt. »Dass du net gstorbn bist« – Andrea hat recht, es wird viel gestorben auf den ländlichen Straßen, und in dieser Nacht wird ein tödlicher Unfall dazukommen, der nicht nur ihr Leben verändert.

Birgit Minichmayr war Haders Wunschbesetzung für die Rolle, sie spielt die Andrea vom ersten Satz an mit einer überzeugenden, trotzigen Illusionslosigkeit. Da will jemand einfach am Leben bleiben. Aber nicht am Land, wo Frauen die Schwiegereltern bis in den Tod pflegen müssen, wo, »Andrea, ich hab’ so oft bei dir blasen müssen, willst dich nicht mal revanchieren«, zum Alltag einer Polizistin gehört. Ihr Sehnsuchtsort heißt ausgerechnet St. Pölten, eine Provinzhauptstadt, die Touristen höchstens als letzten Halt vor Wien auf der ICE-Strecke kennen.

Und dann ein fataler Fehler – Fahrerflucht – aus? Doch Franz, der Religionslehrer, der, wie Hader in einem Gespräch mit mir sagte, im Leben »irgendeine falsche Weggabelung erwischt hat«, ist auch hier zur falschen Zeit am falschen Ort und nimmt die ihm zugewiesene Schuld fast dankbar an. Und da wären wir auch wieder beim Hymnenhünderl, denn auch die fürchten Missachtung oft mehr als Schläge.

Josef Hader spielt diese Figur mit einer großen Zärtlichkeit, aber ohne auch nur eine Sekunde in Gefahr zu geraten, den hilflosen Mann als knuddel­bärigen Sympathieträger anzulegen. Ganz schief, mit schiefsitzender Hose, schiefem Hemd, verrutschter Jacke und Tasche, aber dann, ganz kurz bevor man ihn in den Arm nehmen möchte, schroff und abweisend. Und wieder mit kleinen Gesten und Einfällen überaus komisch.

Diese Uneindeutigkeit einer Person ist große Schauspielkunst, die auch Robert Stadlober als Walter zeigt. Der mögliche Vorgesetzte in St. Pölten, Durchschnittlichkeit auf den Punkt gebracht. Sie isst Nudeln, er ein großes Steak, er gibt sich weltmännisch und leidet an seiner Scheidung und dem Verlust der Alltäglichkeit mit seinem Sohn. Ist er hilfsbereit oder berechnend? Ein Erpresser oder ein fürsorglicher, von Sehnsucht gequälter Mann?

»Fast wia im richtigen Leben«, vor Josef Hader konnte vor allem Gerhard Polt die Skurrilität banaler Alltäglichkeiten zeigen. Eine Komik, die sich anschleicht, die niemanden bloßstellt. Wenn Jungpolizist Georg (Thomas Schubert – wundervoll!) fast aus dem engen Uniformhemd platzt, dann ist das einfach so, es muss nicht thematisiert, nicht überhöht werden. Aber wie in seinen Bühnenprogrammen versteht Hader es auch hier, selbst die tatsächlichen Tragödien und Abgründe in einen Kontext zu stellen, der dem Publikum erlaubt, wie er es nennt, »unsicher zu lachen«.

»Andrea lässt sich scheiden« ist eine Komödie über die kleinen und großen Tragödien des Lebens, die in der Enge der ländlichen Umgebung komprimiert, aber durchaus allgemeingültig sind. Es geht um Schuld und Sühne, Hoffnung und Verlust, Liebe und Verletzung. Zusammengehalten wird das Kunstwerk von der hohen Qualität der Schauspieler, die unter der Regie von Josef Hader (der auch Koautor des Drehbuchs ist) mit großer Spielfreude agieren. Birgit Minichmayr, die zur Zeit in Thomas Bernhards »Heldenplatz« auf der Bühne des Wiener Burgtheaters steht, überrascht wieder einmal mit unglaublicher Wandlungsfähigkeit. Hier ist sie 100 Prozent Andrea, die »wie ein kleiner Soldat« (Hader) versucht, sich ein Leben zu erobern. Aber auch Thomas Stipsits, der als schwerst betrunkener Noch-Ehemann von Bitten und Betteln bis zum völligen Ausraster alle Register gekränkter Männlichkeit zieht, oder der 84jährige Burgschauspieler Branko Samarovski, der als Andreas verwirrter Vater berührt und abstößt. Und schließlich Maria Hofstätter, die mit dem one and only Josef Hader als Mitzi und Franz die Liebes­irrungen und -wirrungen, Hoffnung, Verzweiflung und Absturz im Kleinformat und Schnelldurchlauf in der Dorfdisko erlebt.

»Wer braucht da noch Hollywood?« sagte der Freund, als wir in Wien das Kino verließen.