»Ich bin kein Star«

Klaus Christian Schreiber über seine Rolle als Louis XVI. in »Marie-Antoinette oder Kuchen für alle«

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»Ich bin kein Star«
Klaus Christian Schreiber über seine Rolle als Louis XVI. in »Marie-Antoinette oder Kuchen für alle«
Von Eileen Heerdegen

Wie die »Kinder des Olymp« hockten wir in der letzten Ecke des obersten Rangs des Hamburger Thalia-Theaters, glücklich, im Dunkeln heimlich hineingeleitet, den legendären »Black Rider« (Tom Waits/Robert Wilson) im ständig ausverkauften Haus sehen zu können. Anschließend rannten wir mit Klaus Christian Schreiber, der vom Auftritt offenbar noch viel Adrenalin im Blut hatte, zur U-Bahn, so schnell, als sei »Stelzefuß« hinter uns her.

Das ist über 30 Jahre her, die ihre Spuren hinterlassen haben, und als ich den Schauspieler jetzt erstmals wieder auf der Bühne (Komödie Winterhuder Fährhaus) sehe, er auf den Brettern kniet, bin ich beim Gedanken an meine eigenen Gelenke durchaus neidisch. »Das kann ich auch nur auf der Bühne, zu Hause knie ich schon lange nicht mehr«, lacht Klaus Christian Schreiber. Wir haben uns Jahrzehnte nicht gesehen, es ist schön, dass er der unkapriziöse Mensch geblieben ist, der mir mal pragmatisch einen verbrannten Kuchen gerettet hat (abkratzen, Sahne drauf).

Er erzählt von der Arbeit seiner Frau Anette (einst meine enge Kollegin am Hamburger Schauspielhaus), der Theaterschule Berlin, den Kindern und deren Stolz auf ihre ersten Rollen. Er selbst hat Schauspiel in Bochum studiert, war an verschiedensten Staatstheatern engagiert, hat Opern inszeniert, für Film und Fernsehen gearbeitet. Ist er nach all den Jahren, den Erfolgen, auch und immer noch stolz? Das »Nein« kommt sehr schnell. »Das war ich komischerweise auch nie. Es liegt mir nicht, auch wenn ich weiß, dass man leichter Rollen bekommt, wenn man sich mehr in die Sonne oder in den Scheinwerfer stellt und sagt, Freunde, was ich mache, ist geil.«

War der Wunsch, berühmt und damit geliebt zu werden, nie Kriterium und Motor? »Bei sehr, sehr vielen ist das so, das ist auch legitim. Aber bei mir war das nie der Fall, vielleicht, weil ich immer geliebt wurde. Ich bin seit 34 Jahren verheiratet, ich suche nicht nach mehr. Ich bin kein Star, wollte nie einer werden. Ingrid Andree hat mir gesagt, ›Klaus, wenn du ein Star werden willst, musst du immer dasselbe spielen, wenn du ein Schauspieler werden willst, musst du immer anders spielen‹. Und genau das will ich. Ich bin nicht die Person auf der Bühne, ich will dort gar nicht wiedererkannt werden. Ich will das reine, naive Spiel, will meinen Beruf mit kindlicher Spielfreude ausüben dürfen. Mein Spaß ist, die Rolle anzulegen, in diesem Fall, wie spiele ich den König.«

Der König, das ist der gealterte Exherrscher Ludwig XVI., der in der Komödie »Marie-Antoinette oder Kuchen für alle« gemeinsam mit Ehefrau Marie-Antoinette seit über 20 Jahren auf die Hinrichtung wartet, die aufgrund von Desorganisation und Uneinigkeit der Revolutionäre bisher nicht stattfand.

Anna Thalbach spielt die Österreicherin Maria Antonia, die schon mit 14 Jahren aus Gründen der Staatsräson mit dem 15jährigen Teenie Louis verheiratet wurde. Ob sie den berühmten Satz, die Armen sollten doch Kuchen essen, wenn sie kein Brot hätten, wirklich gesagt hat, ist umstritten – »fressts doch Kuchen, ihr Oaschlecha«, schreit Thalbach, die im Stück ihr großes Talent für Sprache und Dialekte ausleben kann, jedenfalls sehr überzeugend und gut gewienert vom Balkon.

Die Komödie von Peter Jordan und Leonhard Koppelmann, ist gehobener Boulevard mit gelungener Ausstattung (Bühne Stefanie Bruhn, Kostüm Barbara Eigner) und vielen Gesangseinlagen, die von Philipp Haagen live am Piano begleitet werden. Ein anrührendes Wienerlied, das Anna Thalbach (insgesamt sehr komisch, vielleicht einen Tick zu stereotype alternde Rotzgöre) in einer ihrer wenigen zarten Momente vorträgt, während ihr Louis auch musikalisch mit »Ne me quitte pas« deutlich mehr Zuneigung zeigt.

Die Liebe des Louis Seize (der tatsächlich keine Mätresse hatte) war Klaus Christian Schreiber wichtig, genau wie die Balance, den König als weichen, hilflosen Kindskopf, aber auch brutalen Machtmensch zu zeigen. Bei ihm wurde effektiver geköpft, »es war nicht alles schlecht«. Nils Hohenhövel hüpft perfekt durch seine vielen Rollen (Kardinal Rohan, Robespierre und andere), wie auch Isabell Giebeler, u. a. als entzückend-widerlicher zehnjähriger Napoleon. Ein schöner Kunstgriff, dieses altklug-dumme Kind über die einigende Wirkung von Kriegen sprechen zu lassen.

Wenn Ludwig seine Marie auf der extra für sie gebastelten Übungsguillotine zu einem imaginären Besuch in ihrer Heimatstadt Wien herumfährt – »Schau, da trägt der Castorf den Peymann über den Heldenplatz – der Peymann hat ja gar keine Hose an – die muss er doch auch erst noch kaufen«, oder Maximilien de Robespierre mit einem abgeschlagenen Kopf den Hamlet gibt – die schönen Späße für ein eher theateraffines Publikum gehen manchmal unter. Macht aber nichts, ganz im Sinne der ursprünglichen Werte der Französischen Revolution gibt es hier genug Spaß für alle.