„Der geht vögeln und ich muss ins Theater“

Uraufführung von »Was war und was wird« von Lutz Hübner und Sarah Nemitz an den Hamburger Kammerspielen

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»Der geht vögeln, und ich muss ins Theater«
»Was war und was wird« von Lutz Hübner und Sarah Nemitz an den Hamburger Kammerspielen
Von Eileen Heerdegen

»Ich finde immer einen Parkplatz!« – »Wenn ich dabei bin, nicht.« – »Ich bin extra um den Block gefahren, weil du eine Lücke gesehen hast. Es war aber eine Einfahrt!« – »Hast du auch nicht gesehen!« – »Ich hab’ rechts gucken müssen! Egal, wir haben einen.« – »Einen Behindertenparkplatz.« – »Glaubst du, dass Behinderte um diese Zeit noch mit ihrem Auto herumgurken?«

Das Publikum lacht verschämt, aber laut in diesen Spiegel, der da vor ihm sitzt, auf ähnlichen Klappsesseln, nur einen Meter höher. Das Paar auf der Bühne streitet jetzt ums Programmheft, hinter mir läutet ein vergessenes Handy, und eine genervte Frauenstimme zischt leise auf den wahrscheinlich schon älteren Besitzer ein, bis endlich Ruhe ist. That’s life.

»Älter« ist auch Theo, der Mann auf der Bühne, dessen 16jähriger Sohn heute bei Freundin Meike übernachten wird. »Der geht vögeln, und ich muss ins Theater.« Ob eine wie Meike auch ihn noch wollen könnte? Ob er noch wollte und könnte?

»Älter« (als was eigentlich?) – Pubertät 2.0, der schmerzhafte Übergang vom aktiven Erwachsenen zum nicht mehr gebrauchten, nicht mehr geliebten, nichts mehr verstehenden Pflegefall? »Was war und was wird«, der Titel des für die Hamburger Kammerspiele geschriebenen neuesten Werkes der Erfolgsautoren Lutz Hübner und Sarah Nemitz (»Frau Müller muss weg«, »Furor«), stellt klar, hier nehmen sich vor allem Vergangenheit und Zukunft viel Lebensraum.

Mit rasanter Komik und der (fast) passenden Musik vergeht die Vergangenheit von Theo (Stephan Benson) und Ehefrau Anke (Nina Kronjäger) bis zum Cut – das erste Kind ändert alles. Zu David Bowies »Where are we now?« denkt Anke an getrennte Schlafzimmer, Theo phantasiert sich Erinnerungen an eine Babysitterin plus Blowjob herbei. Liebende wurden zu Eltern, eine lebenslustige junge Frau zur Mutter und Beifahrerin, Theo wird erst als Rentner Zeit haben, Kindern und Enkeln näherzukommen.

Nina Kronjäger überzeugt als selbstbewusste, quirlige Studentin und taffe Ehefrau mit ersten Versuchen, die Gegenwart mit Selbständigkeit zu füllen. Den Protagonisten steht Alexa Harms zur Seite, als Flamenco und Sirtaki tanzendes, lebendiges Requisit so überzeugend wie als schlurfiger Bühnentechniker und mondäne Freundin. Die Balance zwischen Spaß und Tragik in der Inszenierung von Sewan Latchinian ist aber vor allem das Verdienst von Stephan Benson. Er beherrscht alle Facetten vom ungelenken Teenager bis zum desillusionierten Familienernährer. Tief berührend ist sein Spiel im »Was wird«, die mitfühlbare Verzweiflung des alten Mannes über die beginnende Demenz und das Ende: »Ich gehe mit meiner Laterne.«

»Was wirst du machen, wenn ich nicht mehr da bin?« – »Du bist noch da, alles ist gut.«

Es gibt viel Musik in diesem Stück, nicht immer (chronologisch) nachvollziehbar. Nicht zwischendrin, genau auf den Punkt, zum Schluss, genau im Hier und Jetzt, hätte sie kommen müssen: Whitney Houston mit »I will always love you«. Denn es geht doch immer nur um Liebe.