Das Beil im Schädel

»Es ging immer nur um Liebe«: Das wunderbare Romandebüt von Musa Okwonga

https://www.jungewelt.de/artikel/442375.literatur-das-beil-im-schädel.html

Das Beil im Schädel
»Es ging immer nur um Liebe«: Das wunderbare Romandebüt von Musa Okwonga
Von Eileen Heerdegen

»Was geschah mit den Winden, die die Sklavenschiffe sandten?

Einige dieser Böen sind stolz, dass sie jene alten Segel füllten.

Du hast gehört, wie sie in der Wahlnacht über Berlin jubelten,

über den Aufgang des Monds und der extremen Rechten;

du hast gehört, wie sie durch die Gänge

des Holocaust-Mahnmals pfiffen,

an steinerne Böden und Wände klatschten,

schnaufend applaudierten.«

Musa Okwonga ist ein Reisender. Er ist nicht mit den Orkanen gereist, die Flüchtende nach Europa bringen und »noch mehr dunkle Körper in die Gischt schleudern«. Er war schon immer in Europa, er reist in Fernbussen und durch die Arme kurzer Leidenschaften, und am Ende dieses autofiktionalen Romans wird er nach Uganda reisen, zu dem Ort, an dem er als Vierjähriger eine Handvoll Sand in das Grab seines getöteten Vaters geworfen hat. Er wird sich selbst belügen und behaupten, dass seine Reise nun zu Ende sei.

1979 in London geboren, mit Eton und Oxford im Portfolio, tauscht er die mögliche Karriere gegen eine mögliche Existenz als Musiker und Schriftsteller. Es ist nicht die Liebe, die ihn nach Berlin führt, aber es ist die Liebe, die er dort sucht. Die Reise war gut geplant, inklusive Sicherheitsvorkehrungen: »Falls Ihre Beziehung eine Bruchlandung machen sollte, verstauen Sie sorgfältig Ihre Gefühle dort drüben. Bereiten Sie sich auf den Aufprall vor.«

Wir kennen diese ausgeklügelten Vorsichtsmaßnahmen, wie das, was der Autor treffend das »dementierbare Date« nennt. Ich habe mich oft gefragt, wie viele Lieben nie zustande kamen, wieviel Liebe wir verloren haben, bei dem hilflosen Versuch, das Gesicht nicht zu verlieren. Und am Ende geht es doch nur darum, den Absturz zu überleben. Die wunderbare neue Liebe spaltet dem Erzähler ohne Vorwarnung mit einem wuchtigen Beil den Schädel, und es gibt wahrscheinlich keinen anderen Mann, der so schön wie Musa Okwonga über die verschiedenen Arten des verzweifelten Weinens schreiben kann.

Schreiben. Was tun, wenn es ihnen nicht gefällt? Wenn sie den Texten geringschätzig oder gleichgültig begegnen? »Du hast viel zu bieten.« Der Erzähler muss es sich notieren, um sich zu erinnern. Er weiß, was Liebe ist (»ein Überraschungsdinner für sie/ihn zu planen für den Tag, an dem sie/er in sechs Monaten seine Prüfungen ablegen wird«), aber ist ein bisexueller schwarzer Mann in Berlin überhaupt eine romantische Option?

Berlin – ich mag diese Hilde-Knef-Berlin-dein-Gesicht-hat-Sommersprossen-Lyrik ganz und gar nicht. Eine Stadt hat schließlich keine Nase, und sie schlägt einen auch nicht in die Magengrube, aber wenn Musa Okwonga das behauptet, wird es glaubhaft. Wenn er voller Zuneigung das Vogelgezwitscher im Grunewald oder die goldene Morgensonne an der Oberbaumbrücke beschreibt, folgt man ihm gern durch Berlin. Wer keinen »Migrantenkörper« hat, kann lernen, wie sich einer anfühlt. »Black Gap« – die Lücke neben PoC in der U-Bahn – selbstbewusst mit »Manspreading« zu füllen, ist einer der im wahrsten Sinne schwarz-humorigen Überlebenstipps, wie auch der Ratschlag, »lach nicht drüber, mach keine schlagfertige Bemerkung, wenn dich die türkischen Kids im örtlichen Park fragen, ob sie deinen riesigen Schwanz sehen können«. Doch spätestens bei der Vorstellung, der Enkel könne einmal feststellen, dass man Granddad für ein Tier gehalten haben muss, als auch bei der Beschreibung in Albträumen – aber auch tatsächlich – erfolgter rassistischer An- und Übergriffe endet jeder Spaß.

Das in viele kleine Kapitel aufgeteilte Buch ist trotzdem nicht traurig; die sich durch die Seiten ziehende Einsamkeit mehr sentimental als niederschmetternd. Und wunderbar formuliert: »Wozu eigentlich, denkst du, all das Schreiben, all das Schaffen, wenn du am Ende niemanden hast, der dir auf dem Nachhauseweg im Nachtbus über den Kopf streichelt.«

Aber alles wird gut, wenn es am Ende für jeden von uns einen weisen, Voodoo-kundigen Retter wie Dr. Oppong gibt.

»Dr. Oppong seufzte, faltete seine Notizen zusammen

Und bemerkte leise, dass er wisse, was er wisse;

Dass, wo immer sich ein rechter Arm

Aus- und in die Höhe strecke,

die Atmosphäre ringsumher nicht milde bleiben könne;

dass Trauma täglich von den Straßen hinauftreibe,

und in den Wolken und Nebeln lebe um uns herum

Auf diese Weise ist Geschichte für immer unter uns,

brodelnd, strotzend –

und vielleicht, so wie wir ihr Gewicht beherzigen,

sogar belehrend.«