Happyend gibt’s nur in Hollywood

Voodoo Jürgens’ neues Album »Wie die Nocht noch jung wor«.

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Happyend gibt’s nur in Hollywood
Voodoo Jürgens’ neues Album »Wie die Nocht noch jung wor«.
Von Eileen Heerdegen

»Ein Ort mit Wirtshauskultur«. Stolze Tafeln am Ortseingang adeln jedes Pupskaff, in dem sich die sechseinhalb – mittlerweile knapp neun – Millionen Debilen und Tobsüchtigen (Thomas Bernhard) wenigstens gescheit einen ansaufen können. Dazu »Live Is life«, »Du, entschuldige, I kenn di« oder gar Waterloo, Robinson und Gabalier – nein, »so sind wir nicht«, wie Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen gern sagt. Und recht hat er.

»Austro-Pop«, ein so beliebter wie ungeeigneter Begriff für die Vielfalt der musikalischen Populärkultur Österreichs, die sich gerade durch die Individualität der Künstler auszeichnet. Der Heller ist nicht der Danzer ist nicht der Ambros ist nie und nimmer der Falco. Oder wie der Erstgenannte einmal schrieb: »Jeder Zeitraum hat etwas eigenes. Frauen, Mädchen oder Kastanien.«

Oder eben die nächste Generation, auch wenn der 1983 als David Öllerer geborene Voodoo Jürgens nicht nur optisch ein Zeitreisender der 70er Jahre ist. Als sozial nicht nur die Vorsilbe für Amt und Fall war und die sogenannten kleinen Leute nicht nur ein Synonym für Erfolglosigkeit. Nicht immer angenehm, aber normal. Nicht vom Glück verfolgt, deshalb immer auf der Suche. Bei »Twist«, einem schnellen Lamourhatscher für die noch nicht Knie- und Hüftgeschädigten geht es um Spaß mit Hintergedanken, wird auch wieder mit Frust und Unverständnis enden – »Für di hätt i ollas g’mocht«, sagt er wahrscheinlich zum hundertsten Mal, ohne dass es wahrer wird, »er ist die Klett’n, die wos aun ihr pickt« (»Es geht ma ned ei«).

Musikalisch sind Frontmann und Band Ansa Panier (Matthias Frey, Martin Dvoran, Alexander Kranabetter, Bernd Lichtscheidl, David Schweighart) bei »Wie die Nocht noch jung wor« variantenreicher aufgestellt als auf den Vorgängeralben. Zum bluesig-soulig-jazzigen Grundkonzept kommen Streicher, Chor und schräge Zirkusmusik (»Hoiber Preis«) zu Besuch.

Der schönste Song ist das schmerzhaft melancholische »Federkleid«, bei dem man nicht von ungefähr an den großen schwarzen Vogel von Ludwig Hirsch denken muss. Eben noch war die Nacht so jung wie wir, dann der Herbst, und »das Obst wird immer siaßer, bis es owefoit vom Staumm«.

Aber ist es nicht schon ein Geschenk, wenn man wenigstens diese furchtbar traurige Vergänglichkeit erleben darf, statt Wärme hinter der Paywall suchen zu müssen? »Nehm ma a Flaschl aufs Zimmer mit, und die Wöd schaut anders aus« (»Stöckelschuach«).

Doch auch wer keine Chance hat, versucht sie zu nutzen. In der düsteren Trompetenatmosphäre eines Film noir geht es in die Verkehrshölle der »Lasallestroßn«, vielleicht zieht der alte Mann, der dort wohnt, doch endlich aus.

»Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende.« Nun ja, Oscar ­Wilde war ein Dandy, für die Menschen aus dem Voodoo-Universum gilt das nicht. Oder, wie die großartige Birgit Denk singt: »Ein Happyend gibt’s nur in Hollywood.«

»Weida is gscheida.« Das Album beginnt mit einer sich anbahnenden Kneipenrauferei und endet mit der Katastrophe. »Odessa«, ein von Hoffnungslosigkeit geprägtes Klagelied, ein dystopischer Trauermarsch mit Saxophonist Andrej Prozorov für seine Heimatstadt. Ein beeindruckendes Instrumental, es braucht keine Worte, das Elend der Menschen in jedem Krieg ist unbeschreiblich.