Es klebt und bleibt

Für das Mädchen war der Spaß vorbei: Männliche Blicke, Beurteilungen, Übergriffe

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Es klebt und bleibt
Für das Mädchen war der Spaß vorbei: Männliche Blicke, Beurteilungen, Übergriffe
Von Eileen Heerdegen

»Dir kann man ja schon richtig was abgucken.«

Ein heißer Sommersonntag nachmittag, irgend jemand hatte ein Kinderplanschbecken auf die große Wiese hinter den Siedlungshäusern gestellt. Ein willkommener Spaß, sich nacheinander mit Anlauf in die Wasserpfütze zu werfen, nur gut aufpassen und schnell genug sein, dass einem der nächste nicht auf den Kopf springt.

Einige Väter (mehrheitlich, denn die Mütter waren mehrheitlich damit beschäftigt, das Abendbrot vorzubereiten) hielten ihre oft noch weißen Oberkörper in die Sonne – Urlaub im Süden konnten sich damals die wenigsten leisten –, rauchten Ernte 23 oder Peter Stuyvesant, tranken ein, zwei Flaschen Bier und genossen Wärme und Gemeinschaft auf typischen Klapplastikstühlen der 60er und 70er Jahre, deren harter Stoff hässliche, durchaus schmerzhafte Muster auf nackten Oberschenkeln hinterließ.

Das einzige Mädchen in der Kindergruppe war neun oder zehn Jahre alt und war, wie ihre Freunde, nur mit einer Turnhose bekleidet, lachend beim Wasserglitschen dabei. »Dir kann man ja schon richtig was abgucken«, der Nachbar, Ulrich K., Vater zweier Jungen, bekam zustimmende Lacher von den anderen Männern, nur für das Mädchen war der Spaß vorbei.

Sie schämte sich für ihren Körper, sie schämte sich für all das, was mit den Worten des Nachbarn zusammenhing. Es war die Zeit der Werbung für panzerartige Playtex-Zauberkreuz-BHs, kurz bevor dann später unter durchsichtigen Blusen mit blanken Brüsten »schockiert« (wen eigentlich?) werden sollte. Noch war der »Atombusen« in aller Munde, das Mädchen hatte gehört, wie die Bauarbeiter lachten und der schönen Mutter hinterherpfiffen. Dass die Mutter rot wurde und immer schneller ging, war dem Kind peinlich gewesen und hatte ihm Angst gemacht.

Jetzt schämte sie sich für die Blicke des Mannes, es war, als habe er eine stinkende Flüssigkeit über sie gegossen. Etwas, das klebt und bleibt. Etwas, das sie kennzeichnet.

Mädchen müssen früh lernen, mit dieser Scham umzugehen, Beurteilungen hinzunehmen. Schneewittchen – kein Arsch und keine Tittchen, oder eben das Gegenteil. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hat sich die Zahl der in Deutschland wegen Essstörungen im Krankenhaus stationär behandelten Mädchen und jungen Frauen im Alter von zehn bis 17 Jahren in den vergangenen 20 Jahren von 3.000 auf 6.000 verdoppelt.

Manche von ihnen möchten sich anpassen, möchten nicht ausgelacht, gedemütigt, beschimpft werden, suchen Anerkennung; andere wollen sich entziehen, den Blicken, den Beurteilungen, den Übergriffen von Männern, die gewohnt sind, sich zu nehmen, was sie wollen.

In Deutschland wird den etwa 65.000 bis 400.000 Prostituierten (die Zahlen schwanken stark), überwiegend Migrantinnen und Frauen, die diese Arbeit nicht freiwillig machen, laut einer Studie der Universität Erfurt »ethische Menschenrechtsverletzungen« angetan. Elke Mack, Professorin für Sozialethik dort, ist eine der Autorinnen der Schrift »Sexkauf«: »Die Garantie der Würde menschlicher Personen gilt jedoch nicht nur juristisch, sondern auch ethisch als wichtigstes Prinzip zum Schutz von Menschen. Sie ist immer dann verletzt, wenn es zur Verobjektivierung und Instrumentalisierung von Menschen kommt, so dass sie ihre Selbststeuerung und Autonomie aufgeben müssen. Gerade im körperlichen Bereich ist die Fremdbestimmung die höchste Degradierung, die sich ausmachen lässt, und die gemäß Axel Honneth (Anm.: ein international anerkannter deutscher Sozialphilosoph) bis zum psychischen Tod führen kann. (…) Sie halten die tägliche, multiple, oft gewaltsame Penetration durch Männer einfach nicht aus (bis zu 20 Freier am Tag). Sie nehmen fast immer schweren körperlichen Schaden und weisen laut Studienlage in hohem Maße posttraumatische Belastungsstörungen analog zu Folteropfern und Kriegskombattanten auf.« Psychologin Sandra Konrad berichtet in ihrem Buch »Das beherrschte Geschlecht«, dass Männer Dinge ausprobieren wollen, die sie im Netz gesehen haben. »Porno ist die Theorie – Prostitution ist die Praxis.« Zitat einer Prostituierten: »Im Prinzip lässt man sich gegen Geld vergewaltigen.«

Die traumatischen Folgen für die Erwachsenen gelten natürlich in noch stärkerem Maß für die geschätzt 10.000 bis 20.000 Kinder und Jugendlichen in Deutschland, die sich »freiwillig« für Sex verkaufen. Wahrscheinlich mit ebenso hoher Dunkelziffer wie im Bereich des gewaltsamen Missbrauchs, jedenfalls liegen die Schätzungen bei den knapp 18.000 aktenkundigen Fällen beim zehn- bis 20fachen.

Das Justizministerium der USA hat auf seiner Website etwa 3,5 Millionen Seiten aus Akten zu den Epstein-Ermittlungen veröffentlicht. Auf Seite 18 findet sich die Zusammenfassung des FBI von Aussagen im Zusammenhang mit Prominenten. Ein damals 13‑ bis 15jähriges Mädchen (sie konnte sich an den genauen Zeitpunkt nicht erinnern) gab an, Donald Trump habe sie gezwungen, seinen erigierten Penis in den Mund zu nehmen, sie habe zugebissen, worauf er sie auf den Kopf geschlagen und hinausgeworfen habe. »Epstein introduced her to Trump who subsequently forced her head down to his exposed penis which she subsequently bit. In response, Trump punched her in the head and kicked her out (date range 1983–1985, should have been 13–15).«

Gerade dieser Fall macht deutlich, dass Kindesmissbrauch keine Spezialität von pädosexuell orientierten Kriminellen ist, sondern schlicht eine persönliche Frage, ab welcher Altersgruppe oder für welches Individuum der jeweilige Mann sein Interesse für einen Körper als Spielzeug, als Ansammlung von Löchern, in die er überall etwas hineinstecken kann, zu diesem Zeitpunkt definiert.

Es ist wie mit den Schlachthäusern und den Schlachtfeldern. Solange es gesellschaftlich anerkannt ist, dass Männer (und es sind, sowohl im Bereich der überüberwiegend weiblichen, der männlichen und der queeren Prostituierten, nahezu ausschließlich »freiende« Männer) fremde (Frauen-)Körper ganz selbstverständlich zu ihrer persönlichen Befriedigung benutzen, werden Männer insgesamt weibliche Körper nach dem Maß dieser Befriedigung beurteilen und Frauen entsprechend kaum als gleichwertig respektieren. Solange andere Männer mitmachen, mitlachen oder schweigen, machen sie sich mitschuldig, wenn ihren Töchtern schon in der Kindheit Gewalt angetan wird.

In der Bahn eine dieser berüchtigten Männerreisegruppen. Vier oder fünf, laut wie 120. Es wird Bier getrunken, viel gelacht. Ich bin müde, aber sie nehmen das gesamte Großraumabteil in Geiselhaft, ihre Gespräche sind nicht zu überhören. Sie sind vom Land, alles Familienväter, zwischen Mitte 30 und 50, optisch nicht mal unangenehm, inhaltlich schon. Der Wortführer hat ein ganz großes Geschäft kurz vor dem Abschluss: »Wenn das klappt, versprech’ ich euch, lade ich euch alle in den Puff ein. Da könnt ihr ficken und lecken, solange ihr wollt, ich zahl’ alles!«

Ich möchte mich übergeben.