Keine Beichte

Eine grandiose Stefanie Reinsperger in Peter Handkes »Selbstbezichtigung« am Wiener Akademietheater

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Keine Beichte
Eine grandiose Stefanie Reinsperger in Peter Handkes »Selbstbezichtigung« am Wiener Akademietheater
Von Eileen Heerdegen

»Ich habe das Obst nicht gewaschen«, Stefanie Reinsperger schaut ins Publikum, dem sie kurz zuvor höchstpersönlich Apfelspalten serviert hat. Bis zu Vorstellungsbeginn hat sie sich, laut scherzend, hier und da für Selfies posierend, im Bademantel durch die Reihen gequetscht, um die Besucher zu bedienen – zu Komplizen des Sündenfalls zu machen?

»Ich habe Hostien mit den Zähnen gegessen.« Es heißt, Peter Handkes »Selbstbezichtigung« von 1966 sei das Pendant zur zeitgleich erschienenen »Publikumsbeschimpfung«. Doch so wenig jene eine wortreiche Beleidigung der Zuschauer darstellt, sondern eine Verweigerung, Erwartungen zu bedienen, kann auch die »Selbstbezichtigung« nicht als Beichte missverstanden werden. Der Titel im Kontrast mit lächerlichen »Geständnissen« kennzeichnet diese Form von (innerer) Auseinandersetzung und inhaltsloser Entschuldigung als absurd.

Nachdem »Eva« Reinsperger das Publikum nicht beschimpft, wohl aber mit Äpfeln verführt hat, legt sie im Halbdunkel der Bühne (fast) alles ab. Nur bekleidet mit einer großen, weißen Unterhose, wie ein frisch gewickeltes Neugeborenes, liegt jetzt im Scheinwerferlicht ein nackter, ungeschützter Mensch, der in all seiner Unschuld und Hilflosigkeit den Sündenfall geerbt hat und beichten soll.

»Ungetaufte Kinder kommen nicht in den Himmel«, hat meine Mutter behauptet, und – fast genauso schlimm – dass man nicht zur Kommunion gehen darf (ich hätte die Hostien nie und nimmer mit den Zähnen gegessen!), wenn man nicht am Tag zuvor gebeichtet hat. Welcher Vergehen aber kann sich eine Sieben- oder Achtjährige schon selbst bezichtigen, also lernt sie früh, widerspruchslos zu akzeptieren, von Natur aus schuldig zu sein, und »Sünden« zu erfinden, die dann mit fünf Ave Maria erledigt sind.

»Ich bin gezeugt worden. Ich bin geboren worden. Ich bin in das Geburtenregister eingetragen worden. Ich habe mich bewegt. Ich bin zu Bewusstsein gekommen. Ich habe Gegenstände gesehen. Ich habe die Zeitwörter gelernt. Ich habe den Unterschied zwischen Sein und Gewesen gelernt. Ich habe die Umstandswörter gelernt. Ich habe den Unterschied zwischen Gut und Böse gelernt. Ich bin der Gegenstand von Sätzen gewesen. Ich habe gelernt, meine Notdurft außerhalb meiner Kleidung zu verrichten. Ich habe meinen Namen gesagt.«

Handke geht also weiter als das Kind im Beichtstuhl. Die Schuldanerkenntnisse sind keine Sünden, bis auf wenige Ausnahmen (»Ich habe unbrauchbare und gebrauchte Gegenstände weggeworfen an Orten, an denen das Wegwerfen von Gegenständen verboten war«) nicht einmal Vergehen. Sünden, die nichts als die Beschreibung eines durchschnittlichen Lebens sind. Lächerlich und zeitweilig irrsinnig komisch. Wenn Stefanie Reinsperger, zunächst immer noch halbnackt, als werdender Mensch auf dem Rücken liegend zum Begriff »Gegenstände« mit Turnübungen ihre Körperlichkeit und mit Singen von zart bis dröhnend ihre Singstimme ausprobiert. Oder wenn sie, jetzt im Hemdchen, vor ihrem Schattenriss erschrickt und später im Herrensakko stehend – ein gestandener Mensch – mit immer rasenderen Gedanken im Prestissimo Thesen zur Frauensolidarität oder dem Anus als universeller Geschlechtsöffnung in den Raum wirft.

Stefanie Reinsperger hat das »Sprechstück« bereits 2014 mit Regisseur Dušan David Pařízek (»Er lässt meinem Wahnsinn und Irrsinn Platz«) für das Wiener Volkstheater erarbeitet und es dann mit ans Berliner Ensemble genommen. Nun ist sie zurück, und dieses Beispiel für Schauspiel- und Sprachkunst feiert Burg-Premiere (im intimeren Akademietheater) mit Standing Ovations.

Am Schluss, im Herrenanzug mit Weste, sitzt Stefanie Reinsperger zart und melancholisch am seitlichen Bühnenrand und singt (auch das kann sie hervorragend) »Masterpiece« der britischen Sängerin Jessie J.: »I still fall on my face sometimes / And I can’t colour inside the lines / ’Cause I’m perfectly incomplete / I’m still working on my masterpiece.«

»Ich bin ins Theater gegangen. Ich habe dieses Stück gesprochen.«

Ich bin ins Theater gegangen. Ich habe dieses Stück besprochen.