Besser als Spinat

Der Nino aus Wien präsentiert Freunde und sein neues Album »Neubau alone« im Wiener Theater im Park

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Besser als Spinat
Der Nino aus Wien präsentiert Freunde und sein neues Album »Neubau alone« im Wiener Theater im Park

Von Eileen Heerdegen

Er sei zu Bob Dylans Geburtstag eingeladen gewesen. Na ja, nicht von Bob Dylan direkt, sondern von einer Buchhandlung. Ein Auftritt, er habe schließlich am gleichen Tag Geburtstag wie Bob Dylan. Oder fast. Und dafür habe er ein Cover von »Don’t Think Twice« geschrieben, keine Eins-zu-eins-Übersetzung, wie der Titel »Der Mai ist vorbei« wohl schon verrate. »Sie ist irgendwo da draußen und kauft sich einen Augustin, und das Schicksal meint, es ist zu spät für ihn. Wir sind gebor’n im Mai, aber der Mai ist vorbei.« Dylan habe auf die Zusendung nie geantwortet, er gehe also davon aus, dass es okay für ihn war.

»Du wirst so viel hergeben aus deinem kleinen Leben« singt der Nino aus Wien in »Zerrissene Figuren«, dem mit über sechs Minuten längsten Song des gerade erschienenen Albums »Neubau alone«, sehr persönlich, autobiographisch und doch immer auslegbar. Immer präsent der leise Witz, das Understatement, die wuschelige Jungenhaftigkeit, das wird wahrscheinlich auch in 46 Jahren noch passen, wenn Nino Mandl aus Wien so alt sein wird wie heute Robert Zimmermann aus Duluth, Minnesota.

Mit immer leicht schläfriger Stimme führt er auf falsche Fährten, erfindet schöne, verwegene Sätze, um im nächsten Moment alberne Reime rauszuhauen oder wieder mal seinen Fußballverein Rapid, so etwas wie Wiens FC St. Pauli, ins Feld zu führen. »Durch jeden starken Sturm, Rapid hat heut verlurn, aus vielem is nix wurn, jetzt muss i weitertun, net in der Nase burn, da mach dir kane Surgn, und denk net immer nur, was stimmt net mit dem Buam?« Auch das sind die »Zerrissenen Figuren«, so wie der Auftritt mit Vollplayback bei der Brieflos-Show mit Peter Rapp, nach eigener Initiativbewerbung, weil er die Show als Kind so geliebt hatte.

»Neubau alone« ist kein moderner Betonbunker, sondern ein Probenkeller im 7. Wiener Gemeindebezirk Neubau, in dem das aktuelle Album hauptsächlich entstand, tatsächlich allein, eine Solo-LP, ohne begleitende Musiker oder Techniker. »Roh« ist das meistverwendete Adjektiv in den begeisterten Kritiken, dabei handelt es sich keineswegs um ungeschliffene oder gar unbearbeitete Werke. Manches wirkt rauh, da quengelt und lärmt eine E-Gitarre, und ein Verzerrer darf zeigen, was er kann, und der Opener, »Setz di her«, lädt nicht nur ein, zu »erzählen, was di quält«, sondern lässt auch eine alte Heizung ein paar Töne spucken. Das ist experimentell, aber durchdacht.

Lo-Fi, Home-Recording, das, was der Künstler sonst nur für sich allein macht. Eine intime Atmosphäre, wenn sich einer so hergibt und herzeigt, eigentlich ungeeignet für einen Liveauftritt vor großem Publikum. Folgerichtig wird die Release-Party im stimmungsvollen Park zwischen den Belvedere-Schlössern kein Solo, sondern ein Fest mit musikalischen Gästen: »Dialekt-Blues-Poet« Alex Miksch, Natalie Ofenböck, Lukas Lauermann am Cello und Keyboarder Milan Begovic. Keine Unbekannten, aber endlich mal nicht die üblichen Verdächtigen, und für mich eine Premiere mit der Multiinstrumentalistin Sibylle Kefer und ihrem mir bisher entgangenen »Da Taxla«, in dem sie »konfusioniert« über eine unangenehme Begegnung philosophiert: »Da Taxla scheißt in’ Busch, im 22. Bezirk, und i bin irritiert, dass i eahm dabei seh und hinschau und erst wegschau, nachdem ich hingsehn hab.« Gemeinsam mit dem Gastgeber vorgetragen mit schöner Musik und noch schönerer Stimme, die von der ungerechten Welt erzählt, in der ein Taxifahrer kein Klo findet und sie das sehen muss, »beim Radelfahrn, beim Kopf befrein, beim Kilos fighten und Body wieder herrichten nach drei Geburten«.

Und schon sind wir beim Spinat-Song, ein Evergreen aus 2008, 5. Platz beim Protestsong-Contest – eine gesungene Hatespeech: »Ein Hals voller Schleim, ein Aug voll Blut, ein Streit mit bewaffneten Mördern, ein kitschiger Markt mit Engel aus Wolle, Police Academy 5 – immer noch besser als Spinat.«

Knapp 20 Jahre später hat Nino gelernt, einen guten Blattspinat zu schätzen, wie auch den »Weißwein vom Nussberg«, der vielleicht hilft, wenn »Wir aus dieser Stadt« auf Track sechs feststellen, »A jedes Glück hat sei End, die Nacht hat tausend Stern und alle schaun.« Da kann man der Liebsten, der »Seele des Abends«, so schöne Komplimente machen, wie, »alles an dir bist Du« und ihr wünschen: »Die Angst hat sich schlafen gelegt, und alle deine wilden Träume springen in den See.«

Aber schließlich sind wir alle »zerrissene Figuren«, und »am Ende bist es selbst, der alle Rätsel löst«, aber, »wann i was wissen tät, war i net gor so bled«.

Nino Mandl stammt übrigens auch aus dem 22. Bezirk, dort, wo der Taxler im Busch hockte, und er ist nicht der »Bob Dylan vom Praterstern«, wie das Stadtmagazin Falter einst schrieb. Er ist einfach der Nino aus Wien, und das reicht völlig.