Auf dem »Opernball«: Stefanie Sargnagels Besuch bei der Wiener Hautevolee
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Blut muss fließen
Auf dem »Opernball«: Stefanie Sargnagels Besuch bei der Wiener Hautevolee
Von Eileen Heerdegen
»Um mir meinen Besuch zu ermöglichen, haben mich eine Maskenbildnerin und eine Stylistin des Gemeindebautheaters zurechtgemacht. … Pinsel, Kleber, Messer, Feilen, Äxte. … Sie nehmen eine Rolle Schleifpapier, um mir die Poren zu öffnen, in das wunde Fleisch schmieren und spachteln sie, bis der Plutzer rosig verkleistert ist. Blut läuft mir schon aus dem Mundwinkel. … Sie werfen mir den Kopf hin und her, um die grüblerischen Gedanken herauszuschütteln. … Sie schlagen mir auf den Schädel, um die schäbige Rede rauszuhauen. … Sie spritzen mir grobkörnigen Pfeffer in die Lippen. Die schwellen zu Schläuchen an, dann wieder ab, bis sie wie Nacktschnecken daliegen. … Sie schlagen die Flöhe tot, die mir aus dem Hintern springen, mit der Fliegenklatsche jagen sie mir die Filzläuse aus dem Schritt. Sie kleben dicke Wimpern auf die Lider, um den naiven Hans-Wurst-Blick zu verhängen. … Die schwammige Wampe der McDonald’s-Kindheit wird in Palmers Shapewear Strong gestopft, die alles zusammenpresst. … Aus dem Spiegel blicken jetzt … eine Oligarchenwitwe, die Nichte eines Ölmillionärs, die Schwester eines Kriegsverbrechers auf einer serbischen Hochzeit.«
»Jetzt hat die uns den Schaas gwunna!« Andi Knoll, formerly known as »Mr. Song Contest« und seit 2023 zum Livemoderatorenteam des Wiener Opernballs aufgestiegen, meinte damit allerdings nicht die Sargnagel Stefanie, sein spontaner Überraschungsausruf galt 2014 einer wirklichen Dame: ESC-Gewinnerin Conchita Wurst. Die Sargnagel Stefanie hingegen (der Österreicher an sich spricht den Namen mit starker Betonung der letzten Silbe, also sozusagen StefaNIE) macht gern einen auf Substandard, offenbart heimliche Freuden, wie »ins Schwimmbad brunzen, Nasenrammel unter deinen Tisch schmieren«, durchzechte Nächte und ungewaschene Strumpfhosen, die nach Brie riechen, und erinnert trotz adrettem roten Baskenmützchen, das allerdings mittlerweile wohl mottenzerfressen nicht mehr zum Einsatz kommt, und schniekem Pulli-Krägelchen-Outfit an Peanut »Pigpen« mit der Schmutzwolke.
Im Auftrag des Wiener Rabenhof-Theaters war Sargnagel 2024 bereits zum zweiten Mal auf dem Ball der Bälle, »restfett und gelangweilt« vertrat sie vor langer Zeit ein Szenemagazin. Mittlerweile schon fast prominent wird ihr der Zugang zur Mitarbeiterkantine verweigert: »Amoi sog is da nu, du Gspritzte, schleich di auffe oder du kriagst Hausvabot, wegen Belästigung des Wachpersonals, du Karneulle! Faschwind!«
Den Prolopart muss die Begleiterin, eine Undergroundkellnerin, übernehmen, die sich nicht nur im Opernuntergrund für kleines Geld ordentlich die Kante geben kann, sondern auch noch eine echte »Gspritzte« zum Dialektduell auffordert: »Schiache Krot« gegen »Oide Schaastrommel«. Die Sargnaglerin muss sich währenddessen Notizen machen, schließlich will sich später das gesamte Feuilleton an ihren tatsächlich oft lustigen Beobachtungen und Übertreibungen amüsieren, als hätte es niemals die Liveübertragung des Balls im TV gesehen. Das unwürdige Geschleime, Genörgel und Gedrängel von Schwerreichen, die versuchen, sich uneingeladen in Richard Lugners Loge zu kostenlosem Schampus und Blick auf den Stargast (2024 »Pris-Killa«, wie Richie die Elvis-Witwe konsequent nannte) hineinzuschleichen – Realsatire at its best.
Der Text ist als schmales Bändchen bei Rowohlt erschienen. Bereits vor einem Jahr diente er als Grundlage für eine bunte Revue im Wiener Rabenhof. Ohne Schauspieler, ohne Ausstattung und vor allem ohne den NDW-Punk von Salò bleiben nun magere 80 Seiten und ein Gefühl, das die Sprengnagel Steffi, so der bürgerliche Name, schon 2013 der Wiener Zeitung beschrieben hat: »Ich finde es auch lustig, dass es mir gelingt, Erfolg zu haben mit Nichtsmachen.«
Nun ist »Opernball« absolut nicht »nichts«, wie auch die Slacker-Attitüde der Autorin angesichts ihrer vielen Projekte eher Marketing ist. Das Buch hat seine Momente, an den guten Stellen möchte man »Grüß Sie Gott, Frau Jelinek« rufen, aber sind wir nicht alle Kinder der großen Elfriede? Der österreichische Kulturminister heißt nicht Torquemada, insofern ist sogar wirklich anarchischer Spaß erlaubt, wie so oft kommt das Beste zum Schluss oder ein paar Seiten davor: Alles Walzer – Ex-Kurzzeit-Bundeskanzler Alexander Schallenberg, der sich von Sargnagel auffordern lässt, obwohl keine Damenwahl ist (»Ich bin ein moderner Typ«), dabei vor lauter Umdrehungen in die »Schusswaffenwitwe« Kathrin Glock stolpert und sich auf ihr Kleid erbricht. »Außer sich vor Wut zieht sie aus ihrer kleinen Glitzertasche eine Pistole.« Schießt ihm immer wieder ins Gesicht, wird von Nadja Swarovski zur Rede gestellt und mit einem Kristallschwan attackiert, der in ihrer Stirn stecken bleibt. »Kathrin sieht alles durch ein Kaleidoskop, hundert fragmentierte Tanzpaare, und während eine Fontäne aus ihrem Kopf schießt, schießt sie ziellos um sich.« Dazu singt Heino »Wiener Blut«.
Richard, der Ball geht weiter!