Hörspiel mit Eiche

Jossi Wieler inszeniert »Orlando« nach Virginia Woolf am Deutschen Schauspielhaus Hamburg

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Hörspiel mit Eiche
Jossi Wieler inszeniert »Orlando« nach Virginia Woolf am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Von Eileen Heerdegen

»Mein Freund, der Baum, ist tot …« Alexandras düstere Schlagermoritat könnte programmatisch über den Brettern des Hamburger Schauspielhauses erklingen. Katrin Brack hat eine riesige Eiche auf die Bühne gelegt, ein imposanter Blickfang, aber starr und mausetot.

Rechts ein Tisch mit fünf Frauen. »Er – denn es gibt keinen Zweifel an seinem Geschlecht, selbst wenn die Mode der Zeit dazu beiträgt, es zu verbergen.« Netter Regieeinfall – erste Leseprobe, Teambesprechung vor dem Feuerwerk? Anders als ein festlich-sinnliches Erlebnis kann ich mir die Bühnenadaption des »Orlando – eine Biografie« von Virginia Woolf schwer vorstellen.

1928, im Jahr der aufregend-absurden Romane (gleichzeitig erschien auch Bulgakows »Der Meister und Margarita«), betrat der betörend schöne englische Adlige Orlando die Welt der Literatur – und war zu diesem Zeitpunkt schon 359 Jahre alt. Virginia Woolf schrieb die etwa 400 Jahre umfassende »Biografie« des nie Alternden nach eigenem Bekunden zur Entspannung, zum ureigenen Vergnügen. Und in der Tat meint man die Autorin kichern und glucksen zu hören, wenn sie ihren Helden beispielsweise in die Arme von Königin Elisabeth I. schickt: »Auf dem Höhepunkt ihres Triumphs, als die Kanonen des Towers dröhnen, zieht sie ihn in die Kissen hinunter, in die ihre Dienerinnen sie gebettet haben (sie war so alt und so verbraucht), und drückt seinen Kopf in die verblüffende Mischung – sie hat seit einem Monat das Gewand nicht gewechselt –, die, wie ihm scheinen will, ganz genau wie die alte Kleiderkammer zu Hause riecht. Er richtet sich auf, von der Umarmung schier erstickt. Das ist mein Sieg, flüstert sie – im selben Augenblick, in dem eine Rakete aufsteigt und ihre Wangen scharlachrot überhaucht.«

Später wird sich Orlando in Fürstin Maruschka Stanislowska Dagmar Natascha Iliana Romanowitsch verlieben, die er Sascha nennt, nach dem Weißfuchs, den er als Kind besaß, »ein schneeweißes Geschöpf mit Zähnen wie aus Stahl, das ihn so brutal biss, dass sein Vater es töten ließ«. Er wird Zeuge einer Schlägerei zwischen Marlowe und Shakespeare und irgendwann Gesandter in Konstantinopel, wo er im Alter von 30 Jahren als Frau erwacht. »In London werden drei Prozesse gegen Orlando angestrengt. Die Hauptvorwürfe lauten, dass sie (erstens) tot sei und daher keinen irgend gearteten Besitz an Eigentum geltend machen könne, dass sie (zweitens) eine Frau sei, was in etwa auf das Gleiche hinauskommt, dass sie (drittens) ein englischer Herzog sei, der eine gewisse Rosina Pepita geheiratet habe und mit ihr drei Söhne habe, welche Söhne nunmehr ihren Vater für tot erklärt und Anspruch auf seinen gesamten Besitz erheben.«

Woolfs köstlich-komische Dichtung um Persönlichkeitsstrukturen, ihre ironische Abrechnung mit bürgerlichen Zwängen, ihr Wunsch nach Diversität – Regisseur Jossi Wieler vertraut auf die Kraft des Textes und die der fünf Ichs der Schauspielerinnen Sandra Gerling, Linn Reusse, Hildegard Schmahl, Bettina Stucky und Julia Wieninger. Tolle Frauen, präzise, witzig, aber in diesem Konzept deutlich gebremst.

Also kein Feuerwerk, eher ein Hörspiel mit Eiche. Die dreht sich uhrwerksgleich eine Stunde und 45 Minuten langsam und gleichmäßig, während Lars Rudolph und Sachiko Hara in Arbeitskleidung (und mit undankbaren gerade mal ein bis drei Sätzen) unaufgeregt im Hintergrund damit beschäftigt sind, den Baum mit neuem Blattwerk auszustatten.

1981 hat Ulrike Ottinger mit »Freak Orlando« die Funken sprühen lassen, berühmter ist die opulente Verfilmung mit Tilda Swinton aus dem Jahr 1992. Am Düsseldorfer Schauspielhaus hat der Lieblingspolizeirufkommissar André Kaczmarczyk den Orlando 2022 als Revue herausgebracht, aber auch eine schlichtere Konzentration auf den Text kann ein poetisches Erlebnis werden, wie etwa durch Corinna Harfouch (Regie: Lily Sykes) 2019 in Hannover.

Der junge Mann zu meiner Rechten und der ältere Herr links haben viel von dem schönen Text verschlafen. Der verhaltene Beifall könnte nahelegen, dass sie nicht die einzigen waren.